Archiv der Kategorie: die fragen die wir meinen. und vermissen

hübsche knäste für den diskurs

Kritik an Architektur, welche über die klassischen architektonischen Kategorien hinausgeht und etwa nach ihrer Rolle in Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen fragt, wird oft mit der Überzeugung konfrontiert gebaute Architektur könne nicht ‚böse‘ sein oder ‚gut‘. Jeder einst bestimmte Zweck könne verändert und sogar ganz ins Gegenteil verkehrt werden. Und es gibt dafür tatsächlich sehr viele Beispiele. Niemand wird allerdings bestreiten, dass die Aufladung gebauter Umwelt mit Bedeutungen und Funktionen niemals unabhängig von zahllosen anderen Bedeutungssystemen geschieht, und somit ein Gebäude niemals nur eine neutrale, physische Konzentration von Baumaterialien darstellt.

Die Entstehung, die Nutzung und mögliche Umbauten von Architekturen sind dabei stets im Kontext ihrer sie bedingenden sozialen und ökonomischen Bedeutungssysteme zu lesen. (kein moderner Supermarkt ohne Massenkonsum, keine Suburbanisierung ohne die Beschäftigten in der Beton- und Stahlindustrie, kein ‚Bilbao-Effekt‘ ohne computergestützte Bauplanung, etc.)

Deren relative Trägheit sorgt unter anderem dafür, dass der Bedeutungswandel von gebauter Architektur anscheinend eher als Evolution bestehende hegemoniale Strukturen erneuert und bestätigt, als dass diese durch radikale Bedeutungsumkehrung von Räumen in Frage gestellt und tiefgreifend verändert werden. (So werden heute bis auf wenige Ausnahmen militärische Großstrukturen der letzten Jahrhunderte in Europa wie Festungen oder (Polizei-)Kasernen noch immer als repräsentative Machtbauten des Staates oder des Militärs verwendet. Auch vereinzelte ‚zivile‘ Neunutzungen wie durch (Heeres-) Museen oder Sozialwohnungen (!) neigen dazu die ursprünglichen Zwecke der Bauten ins Positive zu verklären, ohne eine autonome und kritische Neuaneignung, welche bewusst mit dem Bestehenden bricht, zu ermöglichen.)

Doch selbst wenn wir davon ausgehen würden, dass gebaute Räume immer eine Unzahl von möglichen, zukünftigen Nutzungen zulassen, ist es heute gängige Praxis sich bei Bauvorhaben (Um- und Zubauten eingeschlossen) auf einen mehr oder weniger konkreten Zweck und seine Erfüllung unter den heutigen Bedingungen zu konzentrieren.

Dieser heutige Zweck ist in den meisten Fällen keineswegs unbestimmt und offen, sondern klar formuliert und von den AuftraggeberInnen sogar in Quadratmetern, Investorenprofiten oder Wählerstimmen quantifizierbar. Vor allem aber ist es uns möglich ihn unter heutigen Kriterien zu bewerten und daraus Konsequenzen zu ziehen. Ein Projekt kann demnach als schlecht beurteilt werden, es kann beispielsweise sein undemokratischer Verlauf oder sein repressiver Charakter kritisiert werden wie bei einer Polizeistation an einem öffentlichen Platz. Genauso kann es einen emanzipatorischen Prozess in einem Stadtviertel in Bewegung setzen und so als beispielhafte Gegenstrategie gelobt werden.

best zaun in townEinweihungsfest mit Polizeikapelle

Wir als ArchitektInnen haben dabei die Wahl an welchem Bauvorhaben wir mitarbeiten wollen und in welche Richtung wir es zu beeinflussen suchen. Auch wenn tatsächlich über kein Bauvorhaben ein Voraburteil in den Kategorien schwarz und weiß möglich ist, übernehmen wir mit unserer Beteiligung an dessen Verwirklichung jedenfalls Verantwortung.

Um sich genau dieser Verantwortung zu entziehen gibt es unter ArchitektInnen heute eine Reihe von Argumenten von denen die 3 wichtigsten vielleicht so zusammengefasst werden können.

#1

Der besonders gelungene architektonische Entwurf könne die negativen Konsequenzen der intendierten Ziele des Projekts zumindest abschwächen und/oder ihm neue Bedeutungen und Funktionen hinzufügen, welche entgegengesetzt wirken könnten. Würde man/frau sich hingegen nicht beteiligen, käme alles nur noch schlimmer.

#2

Unsere Wahlfreiheit als ArchitektInnen ist keineswegs so frei wie angenommen, da wir in Zeiten profitorientierter Investorenarchitektur unter einem enormen ökonomischen Druck zu leiden hätten, der uns schlichtweg ‚zwingt‘ das zu bauen, was ‚der Markt‘ haben will. Die Verantwortung tragen somit vielmehr die ‚KonsumentInnen‘ von Architektur, also im Grunde alle anderen.

#3 (auch diese Haltung existiert tatsächlich!)

Architektur hat sich keineswegs ‚moralischen‘ oder gesellschaftspolitischen Bedingungen zu unterwerfen, sondern ist als ‚Kunst‘ ausschließlich den Regeln künstlerischen Schaffens verpflichtet. ArchitektInnen entwerfen und bauen in erster Linien um den ‚(Architektur-)Diskurs‘ voranzubringen.

Ein erfolgreiches Büro lässt es sich heute nicht nehmen sich aus allen 3 zu bedienen, wobei sich jene, die auf die letzten beiden verzichten können, von JournalistInnen und KollegInnen ohne Nachfragen als ‚SozialistInnen‚, ‚UtopistInnen‚ oder gern auch ‚AnarchistInnen‚ der Architektur bezeichnen lassen dürfen. Hier endet dann meist ein kritisches Nachdenken über die Rolle der ArchitektInnen in der Gesellschaft. Wohlmeinend könnte mensch dies als Resignation deuten angesichts der Irrwege sozial-utopischer Architekturentwürfe der klassischen Moderne in der Vergangenheit und der derzeitigen Konjunktur ’neoliberaler‘ Bau- und Planungspraxis weltweit.

Eine andere Erklärung für so wenig Widerständigkeit heutiger Architektur in Theorie und Praxis bietet die These, dass es sowohl ältere als auch jüngere Büros geschafft haben mit den Umständen zu arrangieren und die veränderten Spielräume zu nutzen. Das Model des Stararchitekten (bis auf Zaha Hadid ausschließlich männlich besetzt), der seine Entwürfe als Markenprodukte auf einen zu erobernden Markt wirft, scheint für die allermeisten großen und mittelgroßen Büros zu funktionieren, während sie über unzählige Hochglanz-Architektur- und Designmagazine die  Wortführerschaft und Kontrolle über vermarktbare Konzepte und Ästhetiken zu halten verstehen. Auch theoretisch schafft es beispielsweise Rem Koolhaas mit OMA/AMO in scheinbar radikaler Schärfe die derzeitige Stadt- und Kulturproduktion ‚von links‘ zu kritisieren und seine Bücher in Bestsellerauflagen zu verkaufen, um letztendlich aber mit erfrischtem Gewissen seine Entwürfe für die Architektur der Herrschenden zu präsentieren (u.a. NATO-Hauptquatier, CCTV-Zentrale, Wüstenmetropolen in Dubai, Gefängnisse, sowie unzählige Flagshipstores und Shopping-Center). Zwar wird bei Ausstellungseröffnungen und Diplomverleihungen stets auf die vermeintlich neue gesellschaftliche Verantwortung der ArchitektInnen – meist mit einem Verweis auf den sinnentlehrten Nachhaltigkeitsbegriff – hingewiesen, diese jedoch auch gegen das bestehende System und in konsequenter Ablehnung  unserer Professoren, ‚Architektur-Stars‘ und Bürochefs zu fordern oder sogar in die Praxis umzusetzen bleibt dabei jedoch unsagbar und damit undenkbar.

Genau dieser bedingungslose Bruch mit der bequemen Konformität unserer sogenannten Autoritäten und KollegInnen ist dabei aber Grundvoraussetzung für eine erneuerte emanzipatorische Architekturpraxis und -theorie. Denn wer sich in die engen Rahmenbedingungen des hegemonialen Architekturdiskurses mit all seinen Sanktionierungsmechanismen fügt, wird über diese unmöglich hinauskommen und im schlimmsten Fall mit Worten wie diesen in die unerträgliche Geschichte herrschaftlicher Architekturproduktion eingehen.

‚Um den Insassen, die auf ihre geplante Abschiebung warten, möglichst viel Bewegungsfreiheit zu geben, sind begrünte Innenhöfe und Terrassen geplant‘.

Michael Anhammer von ‚SUE-Architekten’über den Siegerentwurf für das ‚Schubhaftzentrum Vordernberg‘ von der Internetseite des ABC Wien

Visualisierungen für das Schubhaftzentrum Vordernberg, SUE Architekten
//Häuser leisten Widerstand

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die fragen, die wir meinen. und vermissen

Wenn der Schokoladen in Berlin zu seiner 20. Geburtstagsfeier aus der nagelneuen Mitte-Straßenlaterne vor dem Haus eine riesige Wohnzimmerstehlampe macht, ist das zuallerersteinmal schön anzusehen.
Da die Idee als solche bei weitem nicht einzigartig ist und es in den Städten dieser Welt unzählige einfallsreiche(re) Aneignungen und Neudefinitionen von Stadtraum und -möbeln gibt, will ich die (zu) ergreifende Möglichkeit einer bunten und vielgestaltigen Straßenbeleuchtung jedoch gar nicht weiter ausführen.
Der schrulligen Ästhetik aus Omas Wohnstube gegenüber unverwüstbaren Glas-Stahl-Konstruktionen den Vorzug zu geben soll hier ebenfalls nicht versucht werden.

Was mir hingegen diese einsame selbstgemachte Laterne inmitten der ISO-genormten Reihe der Ackerstraße eindringlich vor Augen führt, ist etwas Grundsätzliches. Und zwar der Verdacht, dass wir ArchitektInnen uns viele der tatsächlich relevanten Fragen – die (von uns) gebaute Umwelt betreffend – noch nicht gestellt haben. Und falls doch, letztendlich andere, bequemere beantwortet und die schwierigen auf ein Übermorgen verschoben haben. Dies nicht ohne Konsequenzen.

So behaupte ich, dass unsere Städte nicht menschenwürdig, ja im Grunde unbewohnbar bleiben solange es nicht in jeder Straße soviele verschiedene Laternen gibt, wie Menschen dort Vorstellungen von einer Laterne haben. Vor allem aber es diese Menschen nicht selbst sind, die ganz selbstverständlich in der Lage sind aus ihren eigenen Ideen Straßenlaternen zu gestalten. Und Türgriffe. Und Gärten. Und Häuser.

Damit soll weder das Konzept der Arbeitsteilung verworfen werden, noch geht es bloß um Beleuchtungsdesign. Es wird vielmehr die sensible Beziehung des Menschen zu der ihn umgebenden gebauten Umwelt berührt. Diese kann auf Dauer nicht zwangsläufig, fremd und für den konkreten Menschen unveränderlich sein, sondern ist im Idealfall eine Funktion seiner Bedürfnisse und Lebensrealitäten, welche dabei unmöglich von einer/m letztlich unbeteiligten PlanerIn definiert oder gar vorweggenommen werden können. Denn ihre Variablen sind weder architektonische, noch sind sie von außen bestimmbar.

Und so sind die allerersten Fragen, die ein selbstbestimmtes Gestalten der eigenen und gemeinsamen Umwelt aufwirft nicht jene klassischen nach der zu findenden Form, des zu wählenden Materials oder der zu bestimmenden Funktionen. Es müssten indes Fragen danach sein wem die Straße und ihre Laternen eigentlich gehören, wem sie wie nützen und wie die Arbeit an ihrer Gestaltung verteilt werden kann. Ja mensch merkt es vielleicht, ganz fundamentale Fragen, nach Besitz und Eigentum, nach politischen und ökonomischen Interessen, nach Formen kollektiver (Selbst-) Organisation. Fragen, die von ArchitektInnen zu stellen zur Zeit zugegebener Maßen unmodern, jedoch nach wie vor unvermeidlich ist.

Es wird derweil noch komplizierter wenn es etwa um eine Schule oder eine Fabrik geht. Noch mehr Menschen müssen mitsprechen, noch mehr unterschiedlich Bedürfnisse, Interessen und Ideen gibt es zu verhandeln. Die Notwendigkeit genau dieser Verhandlung bleibt dabei jedoch immer bestehen, ganz gleich wie komplex sie wird. Sie lässt sich nicht übergehen, ohne eben die Menschen zu übergehen, die sie betrifft.

Die banale und einer zweifelhaften Logik folgende Feststellung, nach der wir (ArchitektInnen) nicht verantwortlich seien und somit verantwortungslos (!) handeln könnten (Rem Koolhaas) kann keinen aufrichtigen Menschen überzeugen. Das soll sie auch nicht. Sie soll vielmehr unser scheinbar alternativloses Handeln in einer allein dem Markt überlassenen Baukultur entschuldigen und jedes weitere Nachfragen nach den Bedingungen unter denen wir als PlanerInnen an der Gestaltung der Umwelt mitwirken delegitimieren und in weiterer Folge lächerlich machen.

Aus welchen Interessen, unter welchen Bedingungen und mit welchen Mitteln dieser organisierte Rückzug der Architektur aus der Realität betrieben wird, soll unter anderem Thema dieses Blogs sein. Ein weiterer Schwerpunkt soll auf der Diskussion interessanter Ansätze und Strategien liegen, welche die bestehenden offensichtlichen Widersprüche kapitalistischer Raumproduktion nicht als „Ende der Geschichte“ akzeptieren, sondern ausgehend von einer radikalen Kritik ebenso radikal zu verändern suchen.