Monatsarchiv: Juli 2010

die fragen, die wir meinen. und vermissen

Wenn der Schokoladen in Berlin zu seiner 20. Geburtstagsfeier aus der nagelneuen Mitte-Straßenlaterne vor dem Haus eine riesige Wohnzimmerstehlampe macht, ist das zuallerersteinmal schön anzusehen.
Da die Idee als solche bei weitem nicht einzigartig ist und es in den Städten dieser Welt unzählige einfallsreiche(re) Aneignungen und Neudefinitionen von Stadtraum und -möbeln gibt, will ich die (zu) ergreifende Möglichkeit einer bunten und vielgestaltigen Straßenbeleuchtung jedoch gar nicht weiter ausführen.
Der schrulligen Ästhetik aus Omas Wohnstube gegenüber unverwüstbaren Glas-Stahl-Konstruktionen den Vorzug zu geben soll hier ebenfalls nicht versucht werden.

Was mir hingegen diese einsame selbstgemachte Laterne inmitten der ISO-genormten Reihe der Ackerstraße eindringlich vor Augen führt, ist etwas Grundsätzliches. Und zwar der Verdacht, dass wir ArchitektInnen uns viele der tatsächlich relevanten Fragen – die (von uns) gebaute Umwelt betreffend – noch nicht gestellt haben. Und falls doch, letztendlich andere, bequemere beantwortet und die schwierigen auf ein Übermorgen verschoben haben. Dies nicht ohne Konsequenzen.

So behaupte ich, dass unsere Städte nicht menschenwürdig, ja im Grunde unbewohnbar bleiben solange es nicht in jeder Straße soviele verschiedene Laternen gibt, wie Menschen dort Vorstellungen von einer Laterne haben. Vor allem aber es diese Menschen nicht selbst sind, die ganz selbstverständlich in der Lage sind aus ihren eigenen Ideen Straßenlaternen zu gestalten. Und Türgriffe. Und Gärten. Und Häuser.

Damit soll weder das Konzept der Arbeitsteilung verworfen werden, noch geht es bloß um Beleuchtungsdesign. Es wird vielmehr die sensible Beziehung des Menschen zu der ihn umgebenden gebauten Umwelt berührt. Diese kann auf Dauer nicht zwangsläufig, fremd und für den konkreten Menschen unveränderlich sein, sondern ist im Idealfall eine Funktion seiner Bedürfnisse und Lebensrealitäten, welche dabei unmöglich von einer/m letztlich unbeteiligten PlanerIn definiert oder gar vorweggenommen werden können. Denn ihre Variablen sind weder architektonische, noch sind sie von außen bestimmbar.

Und so sind die allerersten Fragen, die ein selbstbestimmtes Gestalten der eigenen und gemeinsamen Umwelt aufwirft nicht jene klassischen nach der zu findenden Form, des zu wählenden Materials oder der zu bestimmenden Funktionen. Es müssten indes Fragen danach sein wem die Straße und ihre Laternen eigentlich gehören, wem sie wie nützen und wie die Arbeit an ihrer Gestaltung verteilt werden kann. Ja mensch merkt es vielleicht, ganz fundamentale Fragen, nach Besitz und Eigentum, nach politischen und ökonomischen Interessen, nach Formen kollektiver (Selbst-) Organisation. Fragen, die von ArchitektInnen zu stellen zur Zeit zugegebener Maßen unmodern, jedoch nach wie vor unvermeidlich ist.

Es wird derweil noch komplizierter wenn es etwa um eine Schule oder eine Fabrik geht. Noch mehr Menschen müssen mitsprechen, noch mehr unterschiedlich Bedürfnisse, Interessen und Ideen gibt es zu verhandeln. Die Notwendigkeit genau dieser Verhandlung bleibt dabei jedoch immer bestehen, ganz gleich wie komplex sie wird. Sie lässt sich nicht übergehen, ohne eben die Menschen zu übergehen, die sie betrifft.

Die banale und einer zweifelhaften Logik folgende Feststellung, nach der wir (ArchitektInnen) nicht verantwortlich seien und somit verantwortungslos (!) handeln könnten (Rem Koolhaas) kann keinen aufrichtigen Menschen überzeugen. Das soll sie auch nicht. Sie soll vielmehr unser scheinbar alternativloses Handeln in einer allein dem Markt überlassenen Baukultur entschuldigen und jedes weitere Nachfragen nach den Bedingungen unter denen wir als PlanerInnen an der Gestaltung der Umwelt mitwirken delegitimieren und in weiterer Folge lächerlich machen.

Aus welchen Interessen, unter welchen Bedingungen und mit welchen Mitteln dieser organisierte Rückzug der Architektur aus der Realität betrieben wird, soll unter anderem Thema dieses Blogs sein. Ein weiterer Schwerpunkt soll auf der Diskussion interessanter Ansätze und Strategien liegen, welche die bestehenden offensichtlichen Widersprüche kapitalistischer Raumproduktion nicht als „Ende der Geschichte“ akzeptieren, sondern ausgehend von einer radikalen Kritik ebenso radikal zu verändern suchen.